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Guinea-Bissau

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Vom Weihnachtsfest merkt man in Bissau in der Vorweihnachtszeit nicht allzu viel – es gibt keinen größere Werbung oder Ähnliches, einzig die Handynetzbetreiber weisen in regelmäßigen Abständen mit besonderen Angeboten auf das bevorstehende Fest hin.

Im lokalen „Europäer-Supermarkt“ Mavegro tauchen kurz vor Weihnachten ein paar Kekse und Weihnachtsschmuck auf – das Schiff mit dem Container hatte Verspätung.

Da ich hier in Bissau bei einer sehr katholischen Familie wohne, hatte das Fest doch eine große Bedeutung. Der Garten wurde hergerichtet, das gesamte Haus geradezu geschrubbt und im Wohnzimmer ein kleiner Adventskranz und Plastikweihnachtsbaum aufgestellt. Mangels Strom fehlte es nur noch an der typischen Beleuchtung. Allgemein besteht Weihnachten vor allem aus gutem Essen, weniger aus Geschenken. Die Kirch darf natürlich auch nicht fehlen, die Kinder proben schon ein paar Wochen vorher die Aufführung für das Weihnachtsfest.

Ich wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass der Dezember ein besonders gefährlicher Monat sei, da das bevorstehende Fest eine Menge Diebe anlocke. Insgesamt werden oft erstaunliche Summen aufgewendet. Am 24. geht man am späten Abend in die Kirche, um dann um Mitternacht gemeinsam mit der gesamten Familie groß zu essen. Ich selbst habe das jedoch nicht mitgemacht, da ich bei Portugiesen eingeladen war und somit ein eher Portugiesisches Weihnachten erlebte. Genauso fremd wie das guineische für mich.

Der 25. ist dann der eigentliche Hauptfeiertag. Es gibt viel gutes Essen und wer Strom und Musik kann auch tanzen. Die Stadt macht einen deutlich ruhigeren Eindruck als an anderen Tagen. Dennoch der Markt und auch viele Geschäfte sind geöffnet. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht unbedingt Christlich. Offiziell sind 40% Muslime, 50 % „Animisten“ und nur 10% Christen. Als „Animist“ outet sich jedoch niemand, wenn man fragt sind alle entweder muslimisch oder christlich. Aber auch wenn man nicht zur feiernden Religionsgruppe gehört, nimmt man doch gerne den einen oder anderen Feiertag mit. So gibt es dann alle muslimischen und eben auch christlichen Feiertage hier in Bissau.

Wenn man in Bissau krank wird, was doch relativ häufig der Fall ist, kann man unter verschiedenen Kliniken wählen. Es gibt eine handvoll kleinerer privater Kliniken, deren Ruf zumeist besser ist als der des staatlichen Krankenhauses „Hospital National Simao Mendes“.

So hat man die Qual der Wahl wohin man denn nun gehen sollte. Auch die privaten Kliniken / Praxen machen meist einen wenig vertrauensvollen Eindruck. Da für die meisten Leute hier schon das Geld für ein Gespräch mit dem Arzt schwer aufzutreiben ist – es kostet je nach Ort zwischen 1,80 und 18 Euro pro Konsultation – wird auf weitere Analysen meist gleich verzichtet. Doch auch wenn man diese machen würde, weiß man hinterher oft genauso wenig wie zuvor: Aufgrund unhygienischer Bedingungen ist die Trefferquote bei den Blutanalysen nicht gerade die beste. Zuverlässige Labors gibt es nur zwei – eins unter französischer und eins unter italienischer Leitung – doch die haben auch ein eher europäisches Preisniveau zu bieten, so dass man für ein paar Analysen schnell mal 50-100 Euro los ist – mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn. So bekommt man von seinem Arzt des Vertrauens gleich eine große Liste mit Medikamenten gegen Malaria, Typhus, Salmonellen, Würmer und Parasiten. Wenn man das alles genommen hat ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man wieder gesund wird, wenn nicht kann man noch ein paar weitere Sachen probieren…

Von Ärzten bekommt man oft abenteuerliche Geschichten zu hören, was man denn angeblich alles hätte. Gefühlt scheint das Wissensniveau der hiesigen Ärzte unter dem eines etwas medizinisch versierten Patienten in Deutschland zu liegen. So ist man hier im Zweifelsfall selbst der bessere Arzt. Dennoch, Ordnung muss überall sein. So muss man sich beim Arzt zwar vorher keinen Termin holen, doch muss jeder Name ordnungsgemäß in das Buch eingetragen werden. Eine Rechnung mit Stempel „bezahlt“ gehört auch immer dazu. Da man hier, trotz der desolaten staatlichen Lage, zu einem ausgeprägten Nationalismus neigt, prangt auf jeder Rechnung, jedem Rezept der Briefkopf „Republica da Guiné-Bissau“.

Im „Simao Mendes“ gibt es zwar keine zentrale Registrierung der Patienten – wenn man jemanden besuchen möchte, muss man schon selbst wissen ob und in welchem Gebäude er überhaupt untergebraucht ist. Das hindert jedoch nicht daran von jedem Besucher, der das Krankenhaus betritt die Ausweise zu verlangen und erst bei Verlassen des Krankenhauses wieder auszuhändigen. Einen neuen Anstrich hat das „Simao Mendes“ nun auch bekommen – eine strahlend grünliche Farbe. Drinnen hat sich aber nichts geändert. Für den europäischen Besucher ist es wohl immer ein Schock – ein Krankenhaus in dem es nichts zu geben scheint. So kann einem als Patient auch schon nach einem Tag nach der Operation mitgeteilt werden, dass man nach Hause gehen kann, denn bei Komplikationen könne man eh nichts machen. Dementsprechend sieht auch das Labor aus. Ein dunkler, dreckiger Ort. Ich war dort für einen Malariatest. Ein Angestellter gab gerade ein paar Tropfen Blut auf eine Glasscheibe, da diese nicht ganz sauber schien, holte er eine altes, zerfetztes Küchetuch aus seiner Tasche um sie abzuwischen, das Blut darauf zu geben und dann zu mikroskopieren.

Das Hospital Nacional Simao Mendes in Bissau - Der Haupteingang mit Besucherkontrolle

Raten und tippen ist bei Ärzten wie bei Analyse-Ergebnissen der Standart, aber irgendwas von den bekannten Krankheiten wird man schon haben. So ist krank sein in Bissau eine relativ frustrierende Angelegenheit, deshalb man auch mit jeder ernsteren Angelegenheit zusieht, dass man nach Ziguinchor oder Dakar in den Senegal fährt. Dort ist es nach europäischem Standart zwar immer noch nicht sehr toll, aber verglichen mit Bissau schon ein Traum.

Augrund der schwierigen Bedingungen im Lande ist eine vielzahl guineischer Ärzte im Senegal oder in Portugal geblieben. Die, die in Guinea-Bissau geblieben sind, konzentrieren sich auf die Hauptstadt und tun ihr Bestes. Vieles erscheint geradezu paradox, aber schon mit der misslichen Gesamtlage lässt sich vieles erklären, so dass vieles aus dem Kuriositätenkabinett dann doch nicht so merkwürdig ist wie es hier vielleicht erscheinen mag.

Seit meiner Ankunft hier laufen die Vorbereitungen für die Miss Bolama. In der örtlichen Diskothek wird die Miss Bolama gekürt – dazu wird jeden Abend der Generator angeworfen und trainiert. Zehn Kandidatinnen kämpfen um den Titel. Angeblich hat die Mehrzahl der 20jährigen Mädchen bereits das erste Kind geboren und taugt nicht mehr zur Teilnahme an einer Miss Wahl, daher sind alle Kandidatinnen sehr jung, ca. 15-18 Jahre. Selbst 3jährigen Mädchen wird schon der Laufstegschritt beigebracht. So werden die Mädchen schon sehr früh auf ihre zukünftigen Rollen und Ideale eingeschworen.

Am Samstagabend fand dann das große Ereignis Miss Bolama 2009/2010 statt. Eintritt 1,70 – für besonders geladene Gäste nur 0,85 Euro. Seit dem Vortag gab es dann auch die schwarz-weiß Ausdrucke der Trainingsaufnahmen vor der Diskothek zu sehen. Die Miss Wahl an sich lief dann in gewohnter Manier ab. Vier Durchgänge – normale Kleidung, Bikini, Abendkleid und traditionelle Kleidung. Die ersten drei Durchgänge machten den Eindruck einer schlechten Imitation einer Miss Wahl aus Europa – der Vierte, der traditionellen Kleidung war dann doch anders. Zeitlich interessanterweise genauso lang wie die drei anderen Durchgänge vorher zusammen. Statt schnellem Schritt wurden die Kleider in langsam, anmutigen Schritt präsentiert. Zwischendurch gab es noch ein paar durchaus sehenswerte Playback Gesangseinlagen – eine Miss Wahl wie überall. Am Ende wurde das Ergebnis von der dreiköpfigen Jury nicht präsentiert – dies erst in 10 Tagen, um dem Besitzer der Diskothek noch mal ein paar Einnahmen zu verschaffen. Die Kosten für Generator und Betrieb müssen irgendwie wieder reingeholt werden. Also kommen alle noch einmal zum Feiern des Finales.

Mein Haus in Bissau...

Im Stadtviertel ist noch alles beim Alten – es gibt erstmal nichts Neues zu sehen. Haus, Familie, Umgebung scheint sich nicht geändert zu haben. Wir haben jetzt Strom per Generator am Abend für 3-5 Stunden – zumindest war das die ersten Tage so. Bis natürlich unerklärlicher und unglücklicherweise eine Havarie eintritt und den Generator erstmal für ein paar Tage oder Wochen außer Kraft setzt.

Insgesamt ist es verdammt heiß hier – bis Mittags geht es so, aber danach ist es dank verbreiteter Wellblechdachbauweise auch drinnen zu heiß. Ein Ventilruator wäre schon ein Segen, aber ohne Strom… Leider wird es nachts in den Häusern auch nicht kälter – draußen ist es schon etwas frisch, aber macht man die Türen und alles auf kommen die Malaria-Moskitos und unzählige andere Viecher herein. So bleibt nur das Schwitzen und Warten auf den Dezember, dann wird es hier auch nachts kühler – so um die 20 °C.

Der Garten - Brunnen und etwas alte Infrastrukur, die natürlich nicht mehr funktionstüchtig ist

Auch sonst gibt es in der Stadt nicht viel Neues – ein paar Läden haben den zugemacht oder den Besitzer gewechselt – aber ansonsten ist alles gleich. Es ist noch alles sehr grün – den letzten Regen hat es ein paar Tage vor meiner Ankunft gegeben – dementsprechend gibt es noch eine Menge dreckiger Pfützen und die Strassen sind ausgewaschen und etwas kaputt. Überlandfahrten außerhalb der geteerten Strassen sind auch noch nicht möglich – jedenfalls nicht in einem vernünftigen Zeitrahmen. Das wird erst wieder Mitte/Ende Dezember der Fall sein. Den nächsten Regen gibt es dann im Juni. Wettertechnisch beginnt jetzt die für Europäer angenehmste Zeit…bis es im Februar/März wieder richtig heiß zu werden beginnt…

Mein Zimmer - wenn es Strom gäbe, wäre es eigentlich wirklich ganz gut

Bissau - Bandim Markt und Autobahn vom Flughafen ins Stadtzentrum

05.11.2009 01:35 Landung Bissau Airport „Osvaldo Viera International“ – bei klarer Sicht – trotzdem gibt es außer der hell beleuchteten Landebahn leider nicht viel zu sehen – das Zentrum sowie einige wenige Stadtteile sind beleuchtet, der Rest der Stadt liegt im Dunkeln – so sieht die 400 000 Einwohner Stadt aus der Luft eher aus wie ein größeres Dorf mit verstreut liegenden Häusern. Von den vielen Flussarmen und Mangrovenwäldern an den Ufern ist aus der Luft in der Nacht auch nichts zu erkennen.

Der Flughafen mit seiner einzigen Lande- und Startbahn und dem Hauptgebäude ist nicht groß. Viel mehr als die 3 wöchentlichen Flüge nach Lissabon und die tägliche Verbindung nach Dakar gibt es nicht. Dennoch – der Flughafen hat einen alten Flughafenbus aus Lissabon bekommen; so stoppt das Flugzeug diesmal ca. 150m vom Hauptgebäude entfernt. Anstatt die Strecke zu Fuß zurückzulegen wartet der besagte Bus vor dem Flugzeug auf die Passagiere. Nachdem dann alle ausgestiegen sind und sich, bei 27°C und hoher Luftfeuchtigkeit, in den Bus gequetscht haben, beginnt die Fahrt zum Hauptgebäude…nur ein paar Sekunden…Aber ein richtiger Flughafen hat eben einen Bus der die Passagiere zum Gebäude fährt. So gehört es sich eben – Willkommen in Bissau!

Vor der Passkontrolle füllen wir alle die Einreiskarte, sowie die vom Mobilfunkbetreiber gesponserten Karten vom Ministerium für Tourismus und vom Ministerium für Migration aus. Außerdem gibt es noch ein Fragebogen zu gesundheitlichen Beschwerden, die während des Fluges aufgetreten sein könnten. Der wiederum wird von einer Krankenschwester umgehend sorgfältig eingesammelt (und natürlich nicht ausgewertet). Die Schweinegrippevorsorge gibt es auch hier.
Das Gepäck wird vorm verlassen noch gesichtet und wichtig – die Gepäcknummern auf der Bordkarte werden mit dem an den Koffern verglichen – damit auch nichts abhanden kommt – wohl einmalig.
Diesmal werde ich schon von der Familie, wo ich wohnen werde, von Toti erwartet. Es läuft also sehr viel stressfreier ab. Ich muss mir kein Taxi suchen und mich mit der Meute von Kofferträgern und Taxifahrern weiter auseinandersetzen. Toti ist mit dem eigenen Auto gekommen. Während der Fahrt auf der „Autobahn“ in die Stadt erklärt er glucksend, dass er heute zum ersten Mal Auto fährt und gar keinen Führerschein hat. So brauchen wir auch die gesamte Breite der Bahn – und gelangen langsam, aber dennoch sicher, da es kaum weiteren Verkehr gibt, bis in Viertel und unter unzähligem Abwürgen des Motors auch bis zum Haus.